Studienreise fresh expressions Tag 5: Harry Steele, Bischof Steven Croft und Sanctus 1

Am Tag 5 der Studienreise fresh expression mit dem Lernvikariat 11/12 treffen wir Harry Steele, ein Pioneer Pfarrer, der inzwischen in einer anglikanisch-katholischen Kirchgemeinde gelandet ist, Bischof Steven Croft, der zu den Mitbegründern der Bewegung gehört(beide in Sheffield), und Al Lowe, der Sanctus 1 in Manchester leitet.

Harry Steele begegnen wir während eines traditionellen Gemeindegottesdienstes mit Abendmahl in einer Agglomerationsgemeinde von Sheffield. Nachdem er sein liturigsches Gewand abgelegt hat, ist er wieder der Pioneer Pfarrer, der mitten in einer lokalen Kirchgemeinde fresh expressions versucht.

Für ihn ist das die Zukunft der fresh expressions. Die sog. mixed economy müsse mitten in die traditionellen Gemeinden hinein getragen werden und funktionieren. Seit einem Jahr ist er nun in dieser High-Church Gemeinde und fördert den Wandel. Aber Veränderung ist nicht leicht, sagt er. Nebst dem traditionellen Gottesdienst gibt es nun ein neuer, sehr informeller Gottesdienst in dem sich auch Mütter wohl fühlen, zu denen eine Beziehung in einem diakonischen Projekt aufgebaut wurde. Die Gemeinde musste gewonnen werden für diese Arbeit mit alleinerziehenden Müttern. Eine tägliche Eucharistie wurde ersetzt zu Gunsten dieser neuen Arbeit.

Die Frage für Harry Steele war: Was haben die 670 Leute für Erwartungen an die Kirche, welche nur am Heiligabend zur Kirche kommen? Er hat für den daraus folgenden Veränderungsprozess einen sogenannten „graft“-Prozess eingeleitet. „Mit mir kam ein Team von 25 bis 30 Personen zwischen 20 und 30 Jahren, um mir zu helfen, die Veränderung zu forcieren. Ohne dieses Team hätten ich und meine Frau 5 Jahren gebraucht für das, was wir jetzt in 9 Monaten erreicht haben.“ Das ist das Zukunftsmodell. Etwa zur Hälfte macht Harry Steele traditionelle Kirchgemeindearbeit, zur anderen Hälfte kann er neue Formen von Kirche ausprobieren. Die Rolle der Freiwilligen ist enorm wichtig. „Wir betonen, dass jeder Freiwillige ein „Pfarrer“ ist und eine Rolle übernehmen muss. Deshalb arbeiten wir daran, Freiwillige auszurüsten und zu nähren. Unsere Kirche ist nicht eine Kirche eines Priesters, sondern eine Kirche von Priestern. Ich selber bin zwar verantwortlich, aber ich muss anderen vertrauen. Die Herausforderung der Institution ist eigentlich, dem heiligen Geist zu trauen. Der Bischof muss mir trauen. Ich muss Freiwilligen vertrauen und trauen. Und ich rüste sie aus und ermutige sie, das zu tun, was sie in ihrem Herzen haben.“

Ein Schlüsselsatz für fresh expressions überhaupt und für Gemeindeentwicklung in der Schweiz!

Anschliessend hatten wir die Gelegenheit Steven Croft, Bischof von Sheffield, zu begegnen. Sein Werdegang: Nach 13 Jahren im Pfarramt war er verantwortlich für eine Pfarrausbildungs-Seminar. Dann war er fünf Jahre lang mit der fresh expressions Bewegung beauftragt. Vor 3 Jahren wurde er Bischof von Sheffield. Er ist in dieser Funktion auch verantwortlich für die Pfarrausbildung in England, wo momentan ein grösserer Veränderungsprozess stattfindet.

Steven Croft erzählt nochmals die Anfänge. Es gab viele Aufbruchgeschichten am Rande der Kirche. Die Kirche Englands wollte diese Bewegungen anerkennen und unter dem einen Kirchendach behalten. Dieser Prozess, initiiert vom Erzbischof Rowan Williams, hat sehr viel ausgelöst, „sie hat unsere Kirche erneuert“. Die neue Ausbildung (pioneer ministry) z.B. hat neue Leute angezogen. Die Zahl ist gestiegen. Die Vision, dass unsere Kirche mit allen Menschen im Kontakt sein will, hatte ausserdem befreiende Wirkung, welche zu Kreativität führte.

Wie arbeitet ein Bischof im Zusammenhang mit fresh expressions? Steven Croft erzählt ein Beispiel: Im Norden liegen grosse Gebiete mit einer armen, urbanen Bevölkerung. Nur ein kleiner Teil davon ist noch Mitglied der Kirche (400 von 90‘000). Was macht man mit einem solch grossen Missionsgebiet? Was macht man mit limitierten Ressourcen? „Wir brauchen neue Formen von Kirche für diese grosse Region in Kollaboration mit den lokalen Kirchgemeinden. Wir haben deshalb einen pioneer ministers beauftragt. Er muss heraus finden, was schon gemacht wird, diese Bemühungen vernetzen und mit den lokalen Kirchgemeinden verbinden. Er muss alle zusammen bringen, die sich als Pioniere engagieren und daraus eine Strategie für das weitere Vorgehen formulieren.“

Die Pfarrausbildung hat sich gewandelt. Folgende Punkte erwähnt Steven Croft:

  • Missiologie prägt unsere Pfarrausbildung. Missiologie wird in vielen Kursen sehr hoch bewertet.
  • Es gibt eine Praktische Theologie, welche die Reflexion über die Praxis anregt und in einem ständigen Dialog istmit der Praxis. Hier handelt es sich um eine lebenslange pfarramtliche Übung. Die Tradition muss in einen Dialog kommen mit der Praxis.
  • Ekklesiologie ist immer wichtiger geworden. Wir hatten früher keine Kurse in Ekklesiologefrüher, weil alle wussten was die Kirche ist. Es gab keine Fragen. Jetzt versuchen wir Kirche sein zu reflekiteren in unserer gegenwärtigen Kultur. Wir brauchen eine neue Kompetenz um über die Kirche nachzudenken und zu reflektieren.
  • Eine weitere Schlüsselkompetenz ist christliche Bildung. Es braucht Skills, wie der Glaube Menschen weiter gegeben werden kann (Katechese).
  • Schliesslich ist persönliche Leiterschaft wichtig, wenn es um Innovation geht.

Das Herz der Bewegung ist der „Mission und Kirche“-Gedanke. Wir sind eine Kirche, die von ihrem Kontext geprägt ist und sich daran ausrichtet. Es geht darum, eine Haltung, Prinzipien zu übernehmen. Es gibt eine Parallele zwischen dem wie du fx machst und dem, was entsteht. „Dabei müssen wir Dinge loslassen“, sagt Croft. „Im Herz ist das Bewusstsein, dass wir nicht wissen,wie Kirche in der gegenwärtigen Kultur aussehen kann.“ Der erste Schritt ist deshalb die Erkenntnis, dass wir in dieser Bewegung auf den Geist angewiesen sind. Wir wissen nicht, wie es gehen soll.

Das hat noch eine weitere Folge: Es bringt Hierarchien zum Verschwinden. Wir sind alle Lernende, einander genau gleich gestellt. Es ist in dieser Unternehmung zentral, einander zu vertrauen.

Croft erläutert, dass die meisten theologischen Bewegungen unter fresh expressions versammelt sind. Von Evangelikalen bis Progressiven, dann aber auch solche, welche die alten Schubladen überwunden haben. Es gibt auch fresh expressions mit Fokus auf Gerechtigkeit und Friede.

Am besten zeigt Markus 3,14, die Berufung der Zwölf, was Kirche heisst. Jesus ruft diese Leute, mit ihm zu sein und ausgesendet zu werden. Das Herz der Kirche liegt in diesem ekklesiologischen Statement: Kirche ist eine Gemeinschaft von Leuten, die sich um Jesus versammeln und die von ihm ausgesendet werden. Der Herzschlag dieser Gemeinschaft ist Dialog, Gemeinschaft, Lob, Mission. Ein weiter führendes Gespräch.

Gegen Abend feiern wir in Manchester mit der Gemeinde „Sanctus 1“ einen Gottesdienst im Nexus Art Café. Zweimal pro Woche trifft sich diese Gemeinschaft von intellektuell Interessierten und Künstlern. Ben Edson gründete diese Kirche, die sich mit denjenigen Menschen befasst, die im City Centre wohnen. Waren es vor wenigen Jahren noch 5000, so leben heute 20‘000 Menschen in der Innenstadt. Die Idee zur Gründung dieser Gemeinde beinhaltete den Gedanken, dass alles was heilig ist, auch säkular sein muss und alles was säkular ist auch heilig ist. Inzwischen haben viele der Innenstadtbewohner geheiratet und Kinder. Deshalb gibt es jetzt auch einen Sonntagsgottesdienst, weil der Termin für Familien einfacher ist als am Mittwochabend.

Die meisten, die Sanctus 1 angehören, sind gehören zu den sog. De-churched. Theologisch sind verschiedene Richtungen vertreten. Ein wichtiges Thema ist deshalb, aufeinander zu hören und nicht die anderen vom eigenen zu überzeugen. In letzter Zeit kommen vermehrt post-evangelikale, die schlechte Erfahrungen in theologisch evangelikalen Gemeinschaften gemacht haben. Es gibt also ein grosses Spektrum von theologischen Ansichten. „Das ist gesund“, sagt Al Lowe, der die Gemeinde als Pfarrer betreut. Gesungen wird in den Gottesdiensten von Sanctus 1 nicht, weil Menschen in der Öffentlichkeit nicht mehr singen. „Wir haben manchmal Leute, die Musik machen. Und wir integrieren DVD-Clips, um ein Thema zu vertiefen“, sagt dazu Al Lowe. Mindestens ein Drittel aller Gottesdienste sind von Mitgliedern gemacht, damit die Stimmen der Mitglieder einfliessen können. Hier wird eine kontextuelle Theologie gelebt. Es geht darum, für die Leute einen Diskussionsbeitrag oder einen Anstoss zu liefern um weiter zu denken. Gemäss Al Lowe ist Sanctus 1 immer mehr gegen aussen fokussiert: „Wir machen Kunstprojekte, die Leute involvieren sollen mit Kunst und Spiritualität.“

Der Ort an dem der Gottesdienst statt findet, ist das Nexus Arts Café. Es wurde von einem methodistischen Pfarrer aufgebaut mit demselben Gedanken wie Sanctus 1. Kurze Zeit später wurden die beiden Projekte zusammen gelegt. Ursprünglich wurde ein Night Café angeboten von 1 bis 6 morgens. Jemand kam und dachte, dass ein Kunstcafé eine gute Idee wäre, weil es im Quartier viele Künstler gibt. Nexus ist fokussiert auf die un-churched. Es ist ein Ort geworden, wo Menschen auf ihrem individuellen Weg gestärkt werden.

Kreativität ist dabei zentral. Kunst zu machen ist eine postmoderne Ausdrucksform für Spiritualität geworden. Hier wird ein neutraler Raum geschaffen. Ausstellungen werden alle 6 Wochen gewechselt. Auch die Gemeinschaft hat eine Bedeutung. In der Innenstadt gibt es zwar viele Leute, aber man kann sich doch sehr isoliert fühlen. „Wir versuchen den Sinn für Gemeinschaft wieder aufbauen. So dass Menschen Kontakte knüpfen können und Leute an einem Ort sein können, wo sie sich wohl fühlen können. Es kommen Leute hierher, die einen Moment ruhig werden wollen. Wir versuchen die Leute zu involvieren, sie zu Freiwilligen zu machen, z.B. in einer Buchgruppe, Laufgruppe usw.“ Die Spiritualität die dabei gelebt wird ist breit christlich. Alles hat Platz, was nicht der biblischen Theologie widerspricht. „Wir versuchen Konversation aufzubauen mit Menschen, die nicht in die Kirche gehen würden“, sagt Al.

Bezüglich der Ekklesiologie ist spricht Al Lowe einfach, aber radikal: „Kirche braucht es eigentlich nur, weil wir Discipleship brauchen – also das Unterwegssein als Jüngerinnen und Jünger Jesu. Alles andere kann jeder selber für sich machen.“ Manchmal sagen Leute, wie kann das ein Gottesdienst sein, wenn ihr nicht singt und nicht predigt?, so Al weiter. „Die Antwort ist, weil wir die Stimme Gottes hören in einander, ist es Kirche. Das funktioniert nur über Dialog und Beziehung. Wir können dabei nicht die Absicht habern, Leute zu Jüngerinnen und Jüngern zu machen. Wenn man in diesem Bereich etwas forciert, dann gehen die Leute weg.“

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Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

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