Studienreise fresh expressions Tag 1: Begegnung mit Ian Mobsby – MOOT, London

Bericht des ersten Tages von der Studienreise Lernvikariat 11/12: Begenung mit Ian Mobsby, von MOOT Community, London, fresh expressions of church: Auf die Kirchen kommen grosse Veränderungen zu. Sie muss mit hoher Kontextsensibilität reagieren, will sie Chancen wahrnehmen.

Die Studienreise Lernvikariat 11/12 führt zunächst nach London. Dort treffen wir einen der Vordenker der fresh expressions Bewegung, Ian Mobsby, Gründer und Leiter der Moot Community und Autor verschiedener Bücher zu fresh expressions of church und zum sog. new monastic movement. 

Ian Mobsby, Gründer von Moot Community
Ian Mobsby, Gründer von Moot Community und Vordenker der fresh expressions of church Bewegung

Die Moot Community hat Gastrecht in einer alten Kirche mitten im Finanzdistrikt von London. Unter der Woche passieren täglich 50’000 Menschen die Kirche. Mobsby berichtet, dass eine Unruhe in der Luft liegt. Viele Menschen verlieren ihre Stelle. Die Stimmung ist geprägt vom Bewusstsein, dass eine grosse Veränderung auf alle zukommen wird. Menschen fühlen, dass eine postindustrielle Zeit angebrochen ist. Die Krise der Gesellschaft ist allgegenwärtig. Eine erschreckend hohe Zahl der berufstätigen Menschen in London sind Süchtig (Alkohol, Medikamente, Essen, Sex, usw.).

Die Beweung der „fresh expressions of church“ in der anglikanischen Kirche ist geprägt von einer enormen Kontexsensibilität. Es ist deshalb kein Zufall, dass Ian Mobsby in der ersten Hälfte des Referats fokussiert auf das Umfeld, in dem sich Kirche heute befindet. Jede Statistik zeigt, dass sich grosse Bewegungen abzeichnen, allerdings mit paradoxen Erscheinungen. So nimmt der Kirchenbesuch in England ständig ab. Gleichzeitig steigt der Hunger nach einer Spiritualität, die im Leben wirksam wird.

Mobsby ist überzeugt, dass die westliche Zivilisation ihrem Ende entgegen geht. „Wir leben in einer postsäkularen Zeit: Post-Empire, Post-Normal, Post-Finance, Post-Self. Viele Menschen haben keine Ahnung mehr, wer sie sind. Sie sind aufgewachsen in dysfunktionalen Familien, geprägt von Konsum, von Wahlmöglichkeiten und von der Geschwindigkeit im medialen Zeitalter.  So entsteht wieder verstärkt ein Bedürfnis nach Sinn.“

Dabei gehe es nicht in erster Linie um Glaube oder Vertrauen, sondern schlicht darum, wie Menschen leben sollen. Sie sind auf der Suche nach spirituellen – eigentlich pre-modernen – Antworten. Sie wollen wissen, wie wir wissen können, was wir wissen.

Ian Mobsby stellt diese Entwicklung in den Kontext der Geschichte. Erkenntnis war in den letzten fünfhundert Jahren stark rational geprägt (Moderne). Heute geht es aber um trans-rationales Wissen, das über das Denken hinaus geht. So werden persönliche Erfahrungen als inkorporiertes Wissen wieder wichtig. Die postsäkulare Kultur macht eine Wende zur Erfahren, zum Subjektiven, ohne dabei aus einer hoch-wissenschaftlichen Welt auszusteigen. Es entsteht eine paradoxe Situation. Ein Physiker, der sich mit Chaos-Theorie beschäftigt kann durchaus einer fundamentalistischen Kirche angehören.

Was heisst das für die Kirche? Mobsby stellt den fast unüberwindbaren Graben zwischen zeitgenössischer Kultur und Kirche dar. Er hat dazu geführt, dass an gewissen Orten in England Kirche nicht mehr exisitert. Gleichzeitig hat sich nur nur das globale Phänomen des Kapitalismus um die Welt verbreitet, sondern auch – gewissermassen in die GEgenrichtung – auch die Spiritualität des Ostens.

Beides führt dazu, dass in Grossbritannien 80 % der Bevölkerung entweder ihre Religion aufgeben (open de-churched 10% und closed de-churched 20%) oder es sie nie gelebt (un-churched 30-50%). Im Schnitt sind die Mitglieder der anglikanischen Kirche 65 Jahre alt, nur noch 6 bis 20 % sind kirchlich in irgend einer Weise sozialisiert. Als spirituell Suchende bezeichnen sich hingegen 60-80% der Bevölkerung!

St. Audemary Church, London
St.Mary Aldermary ist die alte Kirche in London, welche durch Moot Community – eine frexh expressions of church – neu bespielt wird.

Die Herausforderung für die Kirche ist also, Ausdrucksformen des Glaubens zu finden, die an eine postsäkulare Kultur anknüpfen können. Im konkreten Beispiel im Finanzdistrikt London bezeichnen sich 33% als spirituell. Moot Community spricht deshalb neu von Questers (Suchenden) und nicht mehr von Nachfolgenden um zu zeigen, dass sich traditionelle missionarische Konzepte nicht eignen, um die Herausforderung zu bestehen. Denn diese Suchenden sind Individuen, die selber Entscheidungen treffen wollen. Es sind Leute, die nie einen Kurs besuchen würden, die nie einen Schritt in eine Kirche machen würden, die sich nicht einbinden lassen. Das erfordert völlig neue missionale Konzepte.

Mobsby und sein Team haben vier Gruppen von postsäkularen Suchenden beschrieben:

  • Mystical quester (mytische Suchende): Oft sind diese interessiert an New-Age Angeboten. Diese Menschen sind nicht gegen Religion, aber es interessiert sie nicht.
  • Restorative quester (Suchende nach Heilung). Das sind Menschen in Abhängigkeiten und Ängsten. Sie haben die dunklere Seite der Konsumgesellschaft kennen gelernt und suchen nach Heilung, nach spiritueller Besserung und nach innerem Frieden.
  • Displacement deniers (Ersatz Suchende). Das sind Leute, die ihre Suche nach Spiritualität kompensieren z.B. mit Fitness-Center Besuchen und dort eine Gemeinschaft finden.
  • Post-religious reconstructors (postreligiöse Rekonstruktion). Das sind de-churched Menschen, die nach Alternativen suchen für eine neue Spiritualität.

Die Situation, dass immer mehr Menschen spirituell auf der Suche sind, ist eine Chance für die Kirche. Sie suchen das Göttliche und das Heilige mitten im Säkularen und Profanen. Zu beobachten ist das in der spirituellen Terminologie, die überall zu finden ist. (Produkte im Body Shop, Sacred Café, usw.) Menschen sind auf der Suche nach einem authentischen Leben. Sie merken wie sie und andere das Leben nur noch spielen und eigentlich nicht mehr wissen, wer sie sind.

In einer solchen Situation hat die Kirche etwas zu sagen. Wir haben Antworten darauf, wer der Mensch ist und was ihn würdig macht. Ausserdem haben wir das Potential echte Gemeinschaften zu bilden (statt Institutionen). Wir können die Kirchen wieder zu Gemeinschaften des authentischen Lebens werden?

Moot Community experimentiert dabei mit uralten Formen. Vieles ist aus der Tradition der Kirche schon vorhanden. Es gibt uralte Gedanken, Rituale, Formen, die wieder nützlich sein können. Es geht dabei nicht mehr um ein Wissen im Sinne von Logik, Doktrin, Dogma, Fakten, sondern um eine Erkenntnis durch Intuition und spirituelle Erfahrung. Ian Mobsby ermutigt zum Spiel mit alten christlichen Traditionen. Wir können sie spielerisch in völlig neue Kontexte stellten.

Ikone der MOOT Community, London
Ikone der MOOT Community, London

Fresh expressions of Church ist eine Bewegung, die genau dies versucht. Der Erzbischof der Church of England hat explizit zugelassen, dass diese spierlischen, experimentellen Formen Raum erhalten, um Chancen und Möglichkeiten für die Kirche auszuloten. Sein Entscheid stützt sich auf den Bericht „mission-shaped church“, der 2004 erschienen ist. (Nachfolge-Report sechs Jahre danach). Darin ist das Konzept der „mixed economy“ beschrieben. Neben die territorialen Gemeinden, die weiterhin notwendig sind und ihre Bedeutung nicht verlieren, treten neue, netzwerkartige Strukturen. Implizit war damit auch die Erlaubnis zum Fehlermachen gegeben. Es war plötzlich in Ordnung, dass Fehler gemacht werden, dass die Kirche Risiken eingeht und ausprobiert. Damit wurde das Unternehmerische in der Kirche gestärkt. Und es hatte zur Folge, dass auch die Pfarrausbildung verändert wurde. Neben den ordinierten Gemeindepfarrpersonen wurden neu Pioniere ausgebildet und ordiniert, welche Risiken eingehen wollen. Durch die Entscheidung des Erzbischofs wurden die freshexpressions-Gruppen zu vollgültigen Kirchgemeinden, wie eine territoriale Kirchgemeinde auch.

Für Ian Mobsby ist der relationale Aspekt das Entscheidende. Die neuen Kirchen arbeiten alle vor allem mit einer hohen Betonung von Beziehung. Lebenswelten, die sonst von der Kirche nicht mehr zu erreichen sind, können nur durch die Beziehung mit glaubwürdigen, authentischen Menschen in einen Prozess gebracht werden. Ein Prozess übrigens, der Gott macht und nicht eine Kirche oder eine Pfarrperson.

Für die Entstehung der fresh expressions hat es also drei Faktoren gebraucht:

1. Die entsprechenden Strukturen durch die Kirchenleitung

2. Die Ausbildung neuer Pfarrpersonen

3. Eine Betonung der Beziehungsfähigkeit aller Involvierten

Die Arbeit einer fresh expressions beginnt immer mit dem Zuhören (listening), mit dem Dienst an den Menschen mit Bedürfnissen (service), also mit inkarnatorischer Mission und sie führt – wenn von Gott gewollt – in die Jüngerschaft. Diese Reihenfolge ist eine Umdrehung vieler traditioneller Vorgehensweisen von Kirchen. Der Gottesdienst steht nicht zuerst, sondern zuletzt.

Mobsby empfiehlt jungen Pfarrerinnen und Pfarrer als erstes in eine Beziehung zu treten mit den Menschen, die in der Kirchgemeinde sind. Es geht nicht darum, hinter dem Computer Konzepte zu entwickeln, sondern mit den Menschen vor Ort zu reden, umher zu gehen, Beziehung aufzunehmen, den jedes pfarramtliche Wirken beginnt mit Beziehung, es antwortet dann mit Formen liebender Zuwendung und Dienst und es kommt erst am Schluss des Prozesses zu einer Vergemeinschaftung.

Was heisst das für die Pfarr-Rolle? „Musst vor allem deinen Kontext kennen“, sagt Mobsby zu den SChweizer Vikarinnen und Vikaren. Eure Rolle ist zu vergleichen mit einem Gärtner: Er ist ausgerüstet mit einer Leidenschaft, etwas zu verändern, er hat eine Vision, hat Fachkenntnisse, herausragende kommunikative Fähigkeiten, hat den Mut zurück zu schneiden, die Energie den ersten Schritt zu tun, kann andere motivieren und ermächtigen. Und das wichtigste: Er ist sich nicht zu schade, sich die Hände schmutzig zu machen!

Hinweis: am 3.11.2012 findet in der Schweiz eine Impuls-Tagung statt zu fresh expressions mit George Lings. Informationen hier oder direkte Anmeldung hier und Flyer hier.

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s