Die Gottesfrage für (post-)moderne Gläubige

Christian Wimann skizziert in einem Artikel, wie der Glaube für ein postmodernes Zeitalter aussehen könnte. Im Tun passiert es, dass der Glaube als eine Art Strickleiter über den Abgrund des Unglaubens gespannt wird.

In einem eindrücklichen Essay in der Zeitschrift „Christian Century“ skizziert der Schriftsteller Christian Wiman, wie (post-)moderne Menschen glauben können (Übersetzung vom Blog-Autor):strickleiter-2

„Wenn du zur Auffassung kommst, der Glaube sei „vor allem ein intellktuelles Zustimmen“ (Thomas Merton); oder wenn du den Glauben nicht als Zustand des Geistes, sondern als ein „Gepacktsein von dem Sein an sich“ (Paul Tillich); oder wenn du den Glauben hauptsächlich siehst als eine „Treue gegenüber einem Ereignis“ (Abraham Joshua Heschel) in der Vergangenheit, das dich oder sogar die ganze Menschheit vom Sein ergriff; oder wenn du eine Art „induktiver Glaube“ konstruierst (Peter Berger), der in den Momenten der Transzendenz mitten im Alltag spürbar wird; oder wenn du spürst, dass der Glaube vollständig eine Angelegenheit von Gnade ist und somit ausserhalb der menschlichen Kontrolle (Karl Barth); oder wenn du fühlst, wie ich es tue, dass jede dieser Definitionen eine gewisse Wahrheit enthält – dann bist du trotzdem mit der Frage konfrontiert: Warum? Warum sollte das Dasein so arrangiert sein, dass unsere Fremdwerdung von Gott gegeben ist, und dass wir immer wieder darum ringen müssen, zu ihm zu gelangen oder überhaupt mit der Frage, ob es ihn gibt? Warum?

Das grösste Problem mit unserer Vorstellung von Gott ist die temporale Linearität, in der wir in unserem Denken gefangen sind. So können wir die Schöpfung nur denken als dass sie an irgend einem Punkt in der Vergangenheit geschehen ist und dass sich die gesamte Geschichte der Menschheit seither entfaltet hat. (…) Aber der Glaube an Gott sollte nie auf der Begrenztheit unserer Perspektive aufgebaut sein.  Eher sollte der Glaube ein Mittel sein, unsere Vision zu erweitern. Der Sündenfall ist keine vergangene Geschichte. Der Garten Eden ist nicht vorbei. Denn wenn sein Friede nicht irgendwie präsent und spürbar wird in der Hektik der modernen Stadt, dann ist der Garten ein Mythos, eine von Motten zerfressene Einbildung, eine Leben-auslöschende Lüge.

Das bedeutet das Ende jedes intellektuellen Christseins, das Ende der Idee, dass der Glaube im Innern eines Menschen zu einer spirituellen Perle geschmiedet wird. Und dass wir dann der Welt diese Perle zeigen können wie einen Schatz. In Wahrheit passiert das nie, denn solche persönlichen Perlen sind in den Augen der Welt wertlos, irrelevant. Glaube wird nicht bloss durch den Verstand geschmiedet, sondern indem sich dein Geist auf eine riskante und dreckige Begegnung mit der Welt einlässt. Glaube ist nicht etwas, dass du hast, sondern etwas, das du tust.

Schweigen ist die Sprache des Glaubens. Aktion – egal ob Kirche oder Wohltätigkeit, Politik oder Poesie – ist die Übersetzung. Und wie bei jeder Übersetzung ist die Aktion ein blosses Echo des Originals, zwangsläufig verschwommen und leiser. (…) Um die Ängste deines Herzens zu überwinden musst du nicht Buch über Buch lesen und im Glauben immer weiterkommen, sondern du musst den Ängsten erlauben, Aktionen zu werden. Wenn du beginnst, konkrete Dinge im Namen des Glaubens zu tun, dann beginnst du dich an einer Strickleiter hochzuhangeln, die hoch über dem Abgrund des Unglaubens gespannt ist und dein Blick wird fokussiert auf das, was über dir ist statt immer wieder wie gelähmt nach unten zu schauen.“

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

2 Kommentare zu „Die Gottesfrage für (post-)moderne Gläubige“

  1. Sind es wirklich die Intellektuellen, die Gott zerreden?

    Oder sind es die „Gut-gläubigen“, die ständig über Gott reden, denken genau zu wissen was er will, was er tut oder das Bild, das sie sich im buchstäblich-gesetzen Sinne, beweisen wollen.

    Welche Weisheit muss am Anfang des Monotheismus und zur Zeitenwende gewesen sein, als man sich gegen mystisch Gottesbilder, traditionelle Glaubensgesetzlichkeit und persönlich beliebige Vorstellungen wandte und nur das lebendige schöpferiche Wort, die offenbare „schöpferische Vernunft“ (in der Gestalt Jesus Christus ausgedrückt) als einzige Offenbarung des einen
    sonst unsagbaren Schöpfers des Alles verstand.

    Könnte es sein, dass auch heute die Suche nach einer Gottesgestalt bzw. selbst der Versuch moderner wissenschaftlich begründeter Beweise für einen Schöpfer dem Verstand des ewigen Wortes im logisch-natürlichen Werden im Wege steht?

    Gerhard Mentzel

  2. Hmm, ja, das glaube ich auch. Dass man, wenn man an was glaubt, konkretisieren will, festhalten, für allgemeingültig erklären. Damit man einen gemeinsamen Boden hat.
    Leider überfärbt das andere Elemente, die man vielleicht (noch) nicht sieht. Die Vielseitigkeit.
    Vielleicht wäre das besser: lernen, auf dem Weg sein. Unvoreingenommen, wenn das geht.

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