Familie definieren

Kolumne “Zum Sonntag” in der Zürichsee-Zeitung, Stäfa (achtmal jährlich):

Von Familie zu reden ist gefährlich. Noch heikler ist es von einem christlichen Familienbild zu sprechen. Denn intuitiv wird immer ein Ideal bestehend aus Vater, Mutter und mindestens einem Kind mitgehört: Das Kind stammt biologisch von beiden ab. Die Eltern ziehen es gemeinsam gross und sie müssen verheiratet sein. P1010317

Das hat problematische Konsequenzen. Alle, die dem vermeintlichen Ideal nicht entsprechen, Alleinerziehende oder Patchwork-Familien, fühlen sich nicht angesprochen oder schämen sich. Christlich ist ein solches Familien-Idealbild also kaum. Ausserdem hat die biologische Abstammung alleine noch nie eine funktionierende Familie gewährleistet.

Wie also ist Familie in einem christlichen Sinne zu definieren? Der erwachsene Jesus legt auf den ersten Blick eine familienfeindliche Haltung an den Tag. Einem Mensch, der ihm nachfolgen, sich aber noch von seiner Familie verabschieden will, wirft er vor er sei nicht für das Gottesreich zu gebrauchen. Seine biologischen Wurzeln verleugnet Jesus. Als seine Mutter, seine Schwester und Brüder ihn sprechen wollen, lässt er sie warten und sagt zu seinen Jüngern und Jüngerinnen: „Ihr seid meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder.“

Jesus definiert den Begriff „Familie“ neu. Das Wesentliche sind ihm die Beziehungen. Jesus bezeichnet Gott als seinen Vater. Auch da denkt er nicht biologisch, sondern von der Beziehung her. Gott ist der Vater aller Jünger und Jüngerinnen. Untereinander sind sie Brüder und Schwestern, weil sie in geschwisterlicher Sorge verbunden sind miteinander.

Das christliche Familienbild muss also revidiert werden. Eine Familie darf biologisch Vater und Mutter und Kind sein, muss aber nicht. Es reicht auch eine Zweizahl: Ein Vater oder eine Mutter und Kind, solange eine liebevolle, umeinander sorgende Beziehung besteht. Dasselbe gilt für Patchwork-Familien. Familie ist dort, wo sich ein Stiefvater oder eine Stiefmutter dauerhaft wie ein Vater oder eine Mutter um ein Kind kümmert.

Familie entsteht, wo eine einander tragende Beziehung gelebt wird. So gesehen kann auch ein Dorf, eine Kirchgemeinde, zu einer Familie werden. In Afrika heisst es schon seit jeher: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“

Thomas Schaufelberger ist Pfarrer in Stäfa

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

1 Kommentar zu „Familie definieren“

  1. „Das christliche Familienbild muss also revidiert werden. Eine Familie darf biologisch Vater und Mutter und Kind sein, muss aber nicht. Es reicht auch eine Zweizahl: Ein Vater oder eine Mutter und Kind, solange eine liebevolle, umeinander sorgende Beziehung besteht. Dasselbe gilt für Patchwork-Familien. Familie ist dort, wo sich ein Stiefvater oder eine Stiefmutter dauerhaft wie ein Vater oder eine Mutter um ein Kind kümmert.“

    An diesem Absatz scheint alles zu passen. Aus meiner Sicht ist einzig der erste Satz fehl am Platz „Das christliche Familienbild muss revidiert werden“.

    Nein. Genauso IST das christliche Familienbild, ganz konkret in unseren Pfarren, und ebenso hat es Gültigkeit, wenn wir die Familiensituationen durchdenken, die Jesus in seiner Gnade an den Menschen – manchmal direkt, manchmal indirekt – gutgeheißen hat.

    – – -> Was wir allerdings revidieren müssen, ist das Bild der christlichen Ehe!

    Die letzten paar Generationen haben daran soviel kaputt gemacht, dass nichts als eine Beglückungs- und Versorgungsinstitution übriggeblieben ist.

    Wer spricht denn heute davon, dass die christlichen Ehepartner sich ein Sakrament spenden, also den Heiligen Geist in vollem Umfang miteinbeziehen? Wer spricht heute davon, dass die christliche Beziehung nicht nur eine 2er-Beziehung ist, bei der der Sex passen muss, sondern eine 3er-Beziehung, die Gott ganz konkret in das gemeinsame Leben miteinbezieht?

    Nur wenige junge Ehepartner verstehen diese spirituellen Dimensionen des Dienstes an Gott; die aber, die ich kenne, haben oft ein Leuchten in den Augen, das ich sonst nicht mehr finde.

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