Filmtipp: La Forteresse

La Forteresse ist der beste Dokumentarfilm der letzten Jahre. Eine Rezension.

Momentan läuft im Kino der wohl beste Dokumentarfilm der letzten Jahre: La Forteresse. forteresse_plakat

Hauptschauplatz ist das das Empfangs- und Verfahrenszentrum Vallorbe im wadtländischen Jura, wo Flüchtlinge aus aller Welt ankommen und erleben, wie das verschärfte Schweizer Asylrecht eine unmenschliche Seite besitzt, die schier unerträglich ist.

Der Film beeindruckt, weil er sich auf das quasi urteillose Beobachten beschränkt. Ohne einen einzigen Kommentar aus dem Off, ohne Interviews und ohne sichtbare Intervention gelingt es dem Filmer Fernand Melgar zu zeigen, wie das neue Schweizer Asylrecht zu einer harten Prüfung für die vor bedrohlichen Situationen geflüchteten Menschen wird.

Wer in der Schweiz Asyl beantragt, muss dies in einem der fünf Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ) tun, die sich an den Haupteingängen des Landes befinden: in Altstätten, Basel, Chiasso, Kreuzlingen und Vallorbe. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, beobachtet von zahlreichen Überwachungskameras und umgeben von Stacheldraht, sehen die Asylsuchenden einem Verfahren entgegen, das höchstens 60 Tage dauern wird. In heimlichen, hermetischen und abseits gelegenen Betonblöcken entscheiden moderne „Schweizermacher“ aufgrund von zwei Einvernahmen und einer Vielzahl an Expertisen, ob ein Asylantrag gerechtfertigt ist oder nicht. Heute wird nur einem Prozent der behandelten Fälle das Asylrecht zugestanden. Die anderen erhalten bestenfalls eine provisorische Bewilligung, meistens aber nur 24 Stunden, um das Land zu verlassen.

Die Leistung des Films ist, dass er jenseits der bisher gängigen Rollenklischees operiert. So passt der Leiter des Zentrums plötzlich gar nicht so sehr in diese menschenunwürdige Asylmaschinerie. Und beim Betrachten einiger Anhörungen ist der Zuschauer selber nicht immer so ganz sicher, ob jede Geschichte stimmt. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – gelingt es ihm, eine tiefe Menschlichkeit auszustrahlen. La Forteresse zeigt, wie sich das Menschliche gerade in den Ausweglosigkeiten des Lebens zeigen kann.

Der Film ist aber auch ein ohnmächtiger Aufschrei gegen das Elend und die Not, die sich tagtäglich weltweit ereignet. Die weltweiten Migrationsströme sind nicht bloss ein ungelöstes Problem der westlichen Länder, sondern sie sind eine unfassbare Ansammlung von Sehnsüchten, Schicksalen, Verzweiflungen einzelner Menschen.

La Forteresse – ausgezeichnet mit dem Goldenen Leoparden in Locarno 2008 – kommt einigen von ihnen in den 60 Drehtagen ganz nah. Gerade weil er so ehrlich ist und keine vermeintliche Lösung anbietet, berührt er so und lässt er einen nachdenklich zurück. So funktioniert das Medium Film: Ohne Zeigefinger – mit Geschichten von Menschen, die mehr bewegen als jeder Apell.

Schade, dass der Film in der Deutschschweiz fast keine Resonanz gefunden hat (Ausnahme: young-Caritas-Blog; oder fair-unterwegs). Er ist definitiv ein Must-See! Ideal auch, um in Unterricht und Kirche das Thema Asylrecht zu vertiefen und Diskussionen anzuregen.

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

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