Michael Frost und Emergent Church: Für Landeskirche geeignet?

Bericht der Tagung „Zukunft der Kirche gestalten“ mit Michael Frost.

Michael Frost, bekannter Vertreter der Emergent-Church Bewegung  (manchmal auch Emerging Church) und Buchautor, hat an einem Kongress zur Zukunft der Kirche drei Gründe dafür genannt, dass „Mission“ als zentrales Organisationsprinzip von Kirchen stehen sollte:p1020355

1. Theologischer Grund: Missio Dei = Gott zeigt sich als ein gesendeter und sendender Gott – durch die gesamte Bibel (vom Wort, das er aussendet und die Welt erschafft über den Hauch, mit der er die Menschen lebendig macht, bis hin zu Jesus, der der Gesandte Gottes ist) Gott selber sendet sich in die Welt hinein und so sind alle gesendet, dazu aufgerufen, über sich hinaus zu gehen.

2. Kultureller Grund: Der säkularisierte Westen ist bezüglich der religiösen Sozialisation ein multikultureller Kontext geworden. Leute, die keine kirchlichen Bezugspunkt hatten, kommen nie mehr „zurück zur Kirche“. Sie werden nie mehr in Gottesdienste kommen – auch wenn dort die tollste Musik gespielt wird und die bequemsten Sofas stehen.  Der gesellschaftliche Fluss fliesst inzwischen woanders. Deshalb muss sich die Kirche aufmachen und zu den Menschen gehen, wo sie sind.p1020374

3. Praktischer Grund: Mission als Organisationsprinzip verändert die anderen Bereiche einer Kirche (Verkündigung, Gemeinschaft, Unterricht) viel stärker als umgekehrt.

So fordert Michael Frost auf, radikal die Denkrichtung zu drehen. Nicht mehr attraktionale Kirche sein mit der Idee, dass alle kommen, sobald wir genügend attraktive Angebote haben. Sondern inkarnierende Kirche zu sein, die hinaus geht und mit offenen Augen und Ohren und Herzen sieht, wo die Menschen leben und in welcher Kultur sie sind und was sie benötigen.

Ziel all dieser Bemühung ist, das Gottesreich bereits spürbar zu machen. Einem Trailer ähnlich, der im Kino läuft, um den Blockbuster schmackhaft zu machen. Denn die missio dei – die Mission Gottes hat nichts weniger im Sinn als Liebe, Friede, soziale Gerechtigkeit für die ganze Kreatur.

Veränderung.Prozesse.Entwicklung

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So ergibt sich ein Ausgangspunkt bei der Christologie. Wir müssen zuerst über den Inhalt des Evangeliums neu nachdenken. Daraus ergibt sich dann eine Missiologie (ein total neues Verständnis davon, das auf keinen Fall dieselben Fehler machen darf, wie sie jahrhundertelang in Afrika und andernorts machte). Und erst dann ergeben sich Gedanken zu einer Ekklesiologie, dazu wie die Kirche aussehen soll.

p1020358In einer Pause erzählte mir Michael Frost, dass er in Deutschland und in den englischsprachigen Ländern die Landeskirchen als diejenigen erlebt, die innovativer und experimenteller mit den Emergent Church-Ideen umgehen. Dies deshalb, weil sie nichts mehr zu verlieren haben (im Unterschied zu einer Freikirche mit vielleicht 200 oder 300 Mitgliedern) und weil doch noch einiges an finanziellen Ressourcen vorhanden ist.

An einem Workshop am Nachmittag (Folien des Referats hier) haben dann vier reformierte Theologen aus dem Kanton Zürich versucht, die Emergent Church Ideen für den landeskirchlichen Kontext umzusetzen. Ralph Kunz, Theologieprofessor an der Uni Zürich, Kari Flückiger, Beauftragter für Gemeindeaufbau der Zürcher Kirche, Thomas Bachofen und Thomas Schaufelberger, Gemeindepfarrer im Kanton Zürich, haben zunächst einen Überblick über die Gemeindeaufbau-Bewegungen gegeben. Gemäss Ralph Kunz befinden sich alle bisherigen Modelle in einer Sackgasse. Thomas Schaufelberger hat den Blick geöffnet hin zur postmodernen Organisationstheorie, welche ein neues Modell von Organisationen andenkt. Es ist am besten mit Stichworten wie „lernende Organisation“ oder „Selbstorganisation“ zu umschreiben. Thomas Bachofen erläuterte dann einen Veränderungsprozess  mit neueren Methoden in einer Kirchgemeinde. Schliesslich leitete Kari Flückiger eine Sequenz in der die rund 40 Teilnehmenden dazu aufgefordert wurden, im landeskirchlichen Kontext Orte und Räume zu entdecken, um mit den Menschen zu sein.

p1020363Die Tagung bot Gelegenheit für eine äusserst befruchtende Diskussion, die noch weiter gehen muss. Wie die Emergent Church Bewegung in der Landeskirche Gestalt annimmt, muss noch offen bleiben. Zwei Dinge wurden dennoch schon klar: Will sie im landeskirchlichen Kontext eine Wirkung erzielen, muss sie sich aus dem evangelikalen Umfeld, in dem sie sich momentan befindet, befreien.  Um ein Wort von Michael Frost aufzunehmen: Die Emergent Church Bewegung muss sich erst noch Kontextualisieren im landeskirchlich-theologischen Raum. Was bestimmt nicht funktioniert (obwohl der Versuch an dieser Tagung deutlich spürbar war) ist, dass alte, überholte und etwas verstaubte, evangelikale Konzepte wieder aus Schubladen hervor geholt werden. Emergent Church ist ein Neuansatz mit radikalen Konsquenzen. Alle die sich erhoffen, dass endlich alte Postulate erfüllt werden, werden wohl enttäuscht werden.

Fazit: Spannend ist der Emergent Church Ansatz weil er eine radikale Umorientierung der kirchlichen Handlungsfelder vorschlägt. Wichtig ist dabei aber, dass das Wort „Mission“ nicht mit altem Inhalt gefüllt wird. Es ist neu zu definieren, nämlich als konsequente Hinwendung zur Kultur und Lebenswirklichkeit der entkirchlichten Menschen im Westen. Spannend bleibt dieser Ansatz nur, wenn er sich aus den alten Mustern (liberal/evangelikal) befreien kann.

Link: Artikel zum Kongress auf livenet.ch

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

15 Kommentare zu „Michael Frost und Emergent Church: Für Landeskirche geeignet?“

  1. Frühere Christen haben sich mit den Fragen des Lebens, dem Sinn des Lebens und den ungeklärten Fragen des Seins usw. beschäftigt. Heutige Christen beschäftigen sich mit der Zukunft ihrer Kirchen. Vielleicht stehen deshalb soviele Kirchen leer.

    1. Genau das ist der Punkt! Was haben „moderne“ Christen denn den Menschen zu bieten, was die Welt nicht viel besser anbieten würde? Wenn es nur noch um Freizeitgestaltung im weiteren Sinne geht, und nicht mehr um Lebensfragen wie unser Verhältnis als Mensch zu Gott, dann haben die Kirchen kaum noch eine Chance auf Existenzberechtigung. Wenn Menschen nicht mehr in unseren Kirchen geholfen werden kann, zu einer Gotteserkenntnis zu gelangen, werden sie resignieren oder in Scharen Gebetsteppiche gen Mekka ausrollen.

      Unsere Aufgabe ist es aber doch, das Evangelium zu verbreiten, und Gott zu vertrauen, dass er sich darin den Menschen selbst offenbart.

  2. Danke für den spannenden Beitrag. Soviel ich weiss, würde sich Michael Frost selber nicht zur Emerging-Church-Bewegung zählen. Sein Co-Autor Alan Hirsch hat sich jedenfalls im Gespräch mal so ausgedrückt. Emerging church wird vor allem in den USA stark durch Emergent (Village) geprägt. Frost und Hirsch bezeichnen sich als Teil des incarnational-missionalen Paradigmas. Das gibt es zwar Gemeinsamkeiten zwischen z.B. Brian McLaren u.a, aber auch deutliche Unterschiede, z.B. in der Ekklesiologie. Führende Vertreter haben sich sogar entschieden den Begriff „Emerging church“ nicht mehr zu gebrauchen, weil er so heftig umstritten ist und jeder Gruppe anders gebraucht wird:
    http://tallskinnykiwi.typepad.com/tallskinnykiwi/2008/09/emerging-chur-1.html

  3. Danke für den Hinweis. In einem Video stellt sich Michael Frost allerdings selber in eine Reihe mit Emergent Church (siehe youtube: http://www.youtube.com/watch?v=77ndCFSv47g ) oder anderen neueren Bewegungen z.B. in England.
    Der Kern dieser neuen „missionalen“ Bewegung ist überall derselbe. Radikale Hinwendung zu den Menschen in ihrer postmodernen Befindlichkeit. Übernahme von postmodernen Organisationsideen wie Selbstorganisation oder „lernende Organisation“. Betonung von narrativer Theologie (postmodern, nonfoundational Theology) und der damit verbundenen Überwindung eines einfach gestrickten Dualismus. Auch in seinem Buch „Die Zukunft gestalten“ schreibt Frost in der deutschen Übersetzung: „Unser Anliegen ist es, mutigen Leuten eine missionstheologische Grundlage zu geben und der „emerging church“-Bewegung ein tragfähiges Arbeitsvokabular zu verschaffen.“
    Für mich alles sehr erfrischend.
    Leider kommt es bereits wieder zu Schubladisierungsversuchen: „Michael Frost ist gefährlich“ oder „Michael Frost gehört nicht zu den gefährlichen Emergent Village-Brüdern“ oder…
    Das führt meines Erachtens aber nicht wirklich weiter. Spannender wäre den neuen Ansatz ernst zu nehmen jenseits alter Schemen (evangelikal/liberal). Dann würde er die einen genau so wie die anderen extrem heraus fordern…
    Thomas Schaufelberger

  4. Vielen Dank für den Bericht. Ich habe ihn als deutscher Landeskirchler mit großem Interesse gelesen und habe eine ganze Reihe von Fragen:

    1) Was verbirgt sich hinter „Mission als Organisationsprinzip“ der Kirche? Geht es da um noch mehr als ein verändertes Denken? Wie wirkt sich ein verändertes Denken auf die Organisationsstrukturen von Kirche/Gemeinde aus? Hat er da noch etwas mehr erzählt?

    2) Zum Kommentar in der Pause, Frost würde Landeskirchen als innovativer erleben: Hat er da erzählt, wo er das so erlebt hat? Ich kenne kaum Landeskirchler, die das Gedankengut von Frost u.ä. rezipieren und eben nicht aus dem evangelikalen Spektrum kommen …

    3) Was meint Kunz damit, wenn er sagt, alle bisherigen Modelle wären in einer Sackgasse?

    4) Mich würde auch noch sehr interessieren, was dabei rausgekommen ist, als über Orte und Räume nachgedacht wurde, um missionale Gemeinde zu leben.

    5) Und wie könnte das gehen, dass sich die Bewegung im landeskirchlichen Kontext aus dem evangelikalen Umfeld befreit?

    Das ist eine Menge Zeug. Ich wäre schon dankbar, wenn wir über die eine oder andere Frage ins Gespräch kommen könnten. Herzliche Grüße aus Deutschland, Simon

    1. Hallo Simon
      Danke für das Interesse und die weiter führenden Fragen. Ich versuche sie kurz aus meiner Sicht zu beantworten:
      1. In einer Kirche gibt es vier Handlungsfelder, so Frost (in Klammern eine Übertragung auf die landeskirchliche Situation, wie sie sich im Kanton Zürich darstellt: Worship (Gottesdienst, Verkündigung), Community (Gemeinschaft, Gemeindeaufbau, Kybernetik), Formation (Bildung, Unterricht, Seelsorge), Mission (Diakonie). Frost hat nun plausibel dargestellt, dass die meisten Kirchen ihre vier Handlungsfelder rund um den Gottesdienst organisieren. Das heisst: es wird darüber nachgedacht, wie der Gottesdienst einen Einfluss haben könnte auf die Gemeinschaft und wie im Gottesdienst Menschen eine religiöse Bildung erhalten. Schliesslich wird auch der Gottesdienst als Vehikel für Mission gesehen. Man lädt in missionarischen Gemeinden seine Freunde und Nachbarn ein zum Gottesdienst. (Klammerbemerkung von mir: In einer grösseren, noch funktionierenden Volkskirchen-Struktur ist das bereits nicht mehr ausgeprägt der Fall. Da geschieht Kirche längst nicht mehr nur am Sonntagmorgen, wenn auch solche Vorstellungen, dass der Gottesdienst das Zentrum der Gemeinde ist, noch immer vorhanden sind).
      Die These von Frost ist: Nimmt man den Gottesdienst als zentrales Organisationsprinzip einer Kirche, dann entspricht das der postmodernen Lebensweise der Menschen nicht mehr. Dieses Konzept einer „attraktionalen“ Gemeinde (wir sind bei der Kirche und warten darauf, dass alle zu uns kommen) funktioniert nicht mehr länger. Und so schlägt er vor, einmal „Mission“ als zentrales Prinzip der Organisation zu verwenden. Was würde passieren? Frost meint, dass dort, wo Mission gelebt wird (als radikale Hinwendung zu den Menschen an ihrem Ort und in ihrer Lebenswelt) es auch zu anderen Überlegungen im Bereich Gottesdienst, Bildung und Gemeinschaft kommt. Ein „inkarnierendes“ Modell von Gemeinde kommt in den Blick: dezentral, anti-hierarchisch, von unten, selbstorganisiert, ganz in der Welt, anti-institutionell.
      Für Frost führt das auch zu einer Umkehr im theologischen Denken. Nicht die Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) soll als erstes bedacht werden, sondern die Christologie (Lehre von Christus). Daraus entwickle sich dann eine Missiologie. Und erst dann wird sich – gleichsam automatisch – eine Ekklesiologie heraus bilden.
      Das ist für Landeskirchen natürlich ziemlich heraus fordernd und auch nicht 1:1 umsetzbar (Kirchenordnung usw.). Aber als Gedankenansatz für die Gestaltung des Gemeindelebens, oder z.B. der Jugendarbeit, ist das schon spannend.
      2. Das Gespräch mit Michael Frost in der Pause war spannend: Er hat – als er gehört hat, dass ich auch der Landeskirche komme – von sich auch davon erzählt, dass er besonders in England (anglikanische Kirche mit einem innovativen Erzbischof) und in Deutschland unter Lutheranern einige sehr innovative, experimentelle Projekte kennen gelernt habe (genaueres hat er dazu nicht gesagt). Diese seien zum Teil viel innovativer, frischer als in Freikirchen. Denn diese hätten mit 200 oder 300 Mitgliedern viel zu verlieren, wenn sie andere Wege gingen. (Bemerkung von mir: Und sie sind wohl – auch aus theologischen Gründen – eher konservativer, was neue Gemeinde- und theologische Gedankenfiguren angeht). Die Landeskirche hingegen habe sich vielerorts schon richtig auf den Weg gemacht, weil so wenig Mitglieder aktiv seien, dass es nichts zu verlieren gebe.
      In England und in den USA gibt es eine recht grosse Emergent-Bewegung, die aus der anglikanischen bzw. amerikanischen Mainlinechurch (vgl. mit Lutheranern, Reformierten in Europa) kommt. Sie haben eine offene, postmoderne Theologie (Michael Frost, Brian McLaren, Phillis Tickle, usw.). Soweit ich das sehe, finden sie zusammen auf einer Website, die http://www.emergentvillage.com heisst.
      3. Ralph Kunz ist ein erfrischender Professor für praktische Theologie an der Universität Zürich (Bücher von ihm sind unter http://www.amazon.de erzähltlich). Er hat in seinem 15-minütigen Referat kurz die Geschichte der Gemeindeaufbau-Bewegung in der Landeskirche nachgezeichnet mit verschiedenen Neuaufbrüchen: Die erste Welle im 19. Jahrhundert, welche die Kerngemeinde begründete über die die Kirche im Alltag (60er Jahre) bis zum missionarischen Gemeindeaufbau (80er Jahre). Sowohl das konzentrische Konzept (Kerngemeinde, Mitarbeitergemeinde, die ausstrahlt auf andere), wie das polyzentrische Konzept (programm getriebene Gruppenkirche), wie auch das Konzept der mobilen Gemeinde (Bahnhofkirche, Flughafenpfarramt, Passantengemeinden) stecken gemäss Kunz in Sackgassen. Kunz skizzierte dann einen neuen (emergent) Ansatz: Die Gemeinde als Herberge (visionär, konkret, Spannung zwischen Vitalität und Einheit, postmoderne Verschiedenheit wird zum Anlass, Geschichten zu erzählen, Differenz ist Energiequelle der Gemeindebildung, Suche nach gelebter Spiritualität, Quelle gemeinsamen Engagements, Herberge der biblischen Geschichten). Das ist eine erste Skizze. Ich fände es spannend, wenn (hoffentlich bald) eine vertieftere Ausführung von ihm erhältlich wäre.
      4. Im Workshop haben die Teilnehmenden versucht in einem kleinen Planspiel ihre Sinne zu schärfen. Es ging darum, offene Ohren und offene Augen zu erhalten für die Lebenswelt der Menschen, die um uns leben. Eine sehr gute Übung für Kirchenmenschen: Versuchen die spirituellen Bedürfnisse heraus zu hören an einem Abend für Eltern von Kindern im kirchlichen Unterricht. Probieren, ob man in einem Gespräch über die Nachfolge eines Kirchenchor-Leiters etwas heraus hört, wo ein Mensch steht und was ihn religiös umtreibt. In Konflikten in einem Kirchgemeinderat heraus zu filtern, was die spirituelle Frage darin ist. Am Schluss haben die Teilnehmenden gesammelt, was für Kompetenzen es für eine solche „missionale Haltung“ im Rahmen der Landeskirche braucht:
      Wertschätzung
      Neugier
      Keine Angst vor Konflikten
      Bereitschaft, lieb gewonnene Konzepte los zu lassen
      Fähigkeit, sich bewegen zu lassen von Anliegen der Menschen (auch als Institution)
      Dies ist keine abschliessende Aufzählung. Aber die Diskussion war damit lanciert. Und ich selber bin gespannt wie das weiter geht. Im November wird die Zürcher Kirche eine Tagung anbieten, um diese Aspekte noch zu vertiefen. Ich werde sie auf diesem Blog ankündigen.
      5. Momentan (im Kanton Zürich) beobachte ich, dass vor allem landeskirchliche Theologen auf die Emergent-Church Ideen aufmerksam werden, die eine eher evangelikale Herkunft haben. Das finde ich gut. Ich hoffe aber, dass es nicht dabei bleibt. Denn der Ansatz ist für alle Lager in der Landeskirche eine grosse und wichtige Herausforderung. Wenn er zu stark auf der einen Seite verortet wird, dann kann er recht schnell schubladisiert werden. Das geniale am Ansatz von Michael Frost und anderen ist aber, dass er theologisch und ekklesiologisch einen neuen, dritten Weg auftut zwischen liberal und evangelikal. Ich persönlich muss sagen: Die Lust an den gängigen Schubladen ist mir schon längst vergangen. Ich finde die Perspektive, endlich die alte Kluft hinter uns lassen zu können, sehr erfrischend. Frischer Wind…

      Uff, das war auch etwas viel. Aber vielleicht dient es der Klärung.
      Gruss aus der Schweiz
      Thomas Schaufelberger

  5. Vielen Dank für die ausführliche Antwort, Thomas. Da ich selbst seit einiger Zeit am „emergenten Gespräch“ beteiligt bin, aber in Deutschland (offenbar im Gegensatz zu Frost) nicht so furchtbar viele Landeskirchler kenne, die an dem Thema dran sind (und sich außerdem nicht dem evangelikalen Spektrum zurechnen), finde ich sehr interessant, was ihr dort in der Schweiz so macht und denkt.

    Zu 1.) Die ganzen Begriffe (anti-hierarchisch, selbstorganisiert etc.) kenne ich zu Genüge – meine Frage ist, wie man eine zuerst durch Christologie und Missiologie geprägte Gemeindearbeit dann organisatorisch aufzieht. Klar, es geht um ein verändertes Denken, aber irgendwas wird man ja auch machen. Ich kenne einige Gemeinden, die anfangen, Müll zu sammeln, diakonisch aktiv werden und so. Ist das dann schon alles, dass wir weniger Gottesdienste machen und statt dessen das?

    Zu 3.) OK, dann kann ich mir vorstellen, wohin das bei Kunz ging. Ich habe ihn auch einmal reden hören. Das Konzept von „Gemeinde als Herberge“ stammt vom Niederländer Jan Hendriks und ist sicherlich bedenkenswert, allerdings auch schon ein paar Jahre alt und wahrscheinlich würden es andere Praktische Theologen auch locker mit unter die Sackgassen-Konzepte stecken, wenn man das denn überhaupt so machen kann …

    Zu 4.) Das sind gute Kompetenzen und damit kann man bestimmt gut anfangen. Ich bin gespannt, wie es dann weitergeht bei der Vertiefung.

    Zu 5.) Das geht mir genauso (als jemand, der selbst eher aus der frommen Ecke kommt, aber viel von anderen lernt). Ich erlebe allerdings auch, dass es dann zum Schluss eben doch immer viele (Post-)Evangelikale sind, die sich hier tummeln. Und das gilt auch zu einem großen Teil für die USA, denn auch dort sind es innerhalb der mainline-Kirchen das frommere Spektrum, das sich interessiert. Ich bin vor kurzem ein Jahr da gewesen innerhalb der lutherischen Kirche und hab das so empfunden.

    Also, ich bin gespannt, was sich so tut in den nächsten Jahren, wenn wir anfangen, tatsächlich in den Gemeinden die neuen Wege zu leben …

  6. Hallo Simon

    Danke für das Feedback, das ich sehr bedenkenswert finde. Ich reagiere „aus dem Bauch heraus“:
    zu 1.): Du triffst einen guten Punkt. Ich glaube, dass sich bezüglich neuer Organisationsformen erst noch etwas heraus bilden muss, von dem wir jetzt noch nichts wissen. Ernst Troeltsch mit seiner berühmten Unterscheidung in Kirche als Anstalt (vergleichbar mit Landeskirchen) und Kirche als Sekte (vergleichbar mit Freikirchen, was nicht heisst, dass Freikirchen Sekten sind!) hat schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts davon gesprochen, dass es noch eine dritte Gestalt von Kirche geben muss, die wir noch nicht kennen, die sich aber entwickeln wird. Er hat ihr mystische Kirche gesagt.
    Ich glaube er meinte so etwas, wie es heute in der Postmoderne-Diskussion angedacht wird: Es entstehen kleine und kleinste selbstorganisiserte Gruppierungen und Gruppen. Wie das noch unter einem Dach zu halten ist, weiss ich auch nicht.
    Aber es gibt für mich schon auch Beispiele. Aus eigenem Erleben kann ich aus der Jugendarbeit in unserer Gemeinde sagen:
    Wir achten darauf, dass Jugendliche Raum erhalten, um ihre eigene Spiritualität, ihren eigenen Glauben, ihre eigene „vision quest“ zum Ausdruck zu bringen. So gibt es zum Beispiel Support (finanziell und personell), damit Jugendliche eine Jugendnacht mit ihren Themen organisiseren. Oder in einem Gottesdienst-Projekt (Sofa-Gottesdienst) werden junge Erwachsene zur Mitarbeit eingeladen, aber so, dass nicht alles der „Doktrin“ der Institution entsprechen muss. Da stehen junge Erwachsene hin und bringen ihre Texte, Gedanken, Gebete, die unorthodox sind. Sie gestalten den Gottesdienst auf ganz ungewöhnliche Art und Weise. Da entstehen – einem experimentellen Labor ähnlich – neue Formen, neue Wege, um den eigenen Glauben auszudrücken und in der Liebe und Hoffnung gestärkt zu werden. Bedingung ist aber, dass es nicht einen Kirchenpräsidenten oder Pfarrer gibt, der „Kontrolle“ inne haben will. Man muss loslassen können als Institution. Man muss darauf vertrauen, dass Menschen – wenn sie den Raum erhalten – die Formen für die heutige Zeit finden werden.
    Momentan sehe ich solche Projekte als Labors für das Neue. Für mich ist völlig klar, dass die Gottesdienste, die Unterrichte, die Seelsorge in der bisherigen Form nicht abgeschafft werden können. Aber vielleicht verändern sie sich langsam, weil ein paar Leute im Labor neue Ideen hatten.

    Zu 3): Wege aus der Sackgasse gibt es wahrscheinlich momentan nicht. Aber den Mut, Irrwege einzuschlagen, sollten wir uns schon nicht nehmen lassen. Das finde ich so erfrischen an Michael Frosts Buch. Er ermutigt, Experimente einzugehen, die vielleicht noch nicht ausgereift sind – und wer weiss: Vielleicht zeichnet sich dann die Kirche der Zukunft immer besser ab.

    Zu 4): Ich bin selber gespannt. Auf jeden Fall empfinde ich z.B. die „Wertschätzung“ als eine spirituelle Haltung. Jedesmal wenn ich Menschen begegne, die eine tiefe Wertschätzung für andere Menschen leben, dann spüre ich etwas fast Atemberaubendes. Irgendwie denke ich dann immer an Jesus und daran, wie er mit ungewöhnlichen Menschen umgegangen ist. Ich kann das vielleicht noch nicht genau formulieren – aber an diesem Thema werde ich dran bleiben.

    Zu 5.: Die Beobachtung ist bestimmt richtig. Nur eben: Mir wäre es ein Anliegen, dass auch die anderen etwas von der Postmoderne-Diskussion mitbekommen und einsteigen in die Diskussion rund um die Gestalt der Kirche, die ja letztlich eine Diskussion rund um die Christologie ist (und wie Frost behauptet: um die Missiologie).

    Schon wieder wurde es so lange. Aber das Thema packt mich. Und auch bin gespannt auf weiteres…

    Thomas Schaufelberger

  7. Vielen Dank noch einmal. Dann sind wir mal gemeinsam gespannt auf das, was kommt. Vielleicht begegnet man sich irgendwann einmal. Liebe Grüße, Simon

  8. Hallo Judith

    Danke für den Hinweis auf die online-Referate von Michael Frost. Sie sind wirklich empfehlenswert, wenn auch an ein paar Stellen etwas enttäuschend. Insgesamt braucht es wohl noch einiges an Gehirnschmalz, um die landeskirchliche Alternative sauber heraus zu arbeiten: Was heisst das „emergent“ Konzept für eine – zwar neuerdings wieder ziemlich bewegliche aber doch alte – Dame „Reformierte Kirche“?

  9. Wir waren im Wochenende im Tessin und haben unterwegs in die Referate hinein gehört. Da ich mich schon länger etwas mit emerging-church befasse, war es nicht so viel Neues. Aber es hat mich inspiriert. Leider funktionieren nicht alle mp3 von der Seite, deshalb hatten wir einfach irgend eine Auswahl der Referate. Was hat Dich enttäuscht?

  10. Ich verstehe die Emerging church Bewegung als eine erfrischende Alternative zum alten Grabenkampf (evangelikal/liberal). Wenn man Michael Frost genau zu hört und ihn genau liest, dann ist es sowohl für die klassische evangelikal-pietistisch-konservativ-fundamentalistisch-charismatische Szene wie auch für die liberal-landeskirchlich-unverbindlich-institutionelle Szene eine grosse Herausforderung. Je nach Sichtweise könnte man Frost so verstehen, dass er die beiden Lager verbindet oder dass er einen dritten Weg in der Mitte aufzeigt.

    Bei seinen Referaten in Aarau war ich deshalb aus zwei Gründen manchmal etwas enttäuscht. Erstens wenn er eindeutig das eine oder das andere Lager bediente. Manchmal hatte ich den Eindruck er sagt Dinge, die er sagen muss, um in der IGW-Zuhörerschaft nicht zu stark anzuecken. Ein Beispiel war die Szene, wo er ein Referat an einem Universitätstag halten musste ohne zu wissen, dass es um eine Auseinandersetzung zwischen schwulen und christlichen Studierenden geht. Mit dem bekannten evangelikalen Unterton gegenüber der „so bösen und freizügigen und für die Gesellschaft gefährlichen“ Schwulenszene kann ich nicht viel anfangen. Ich finde das einfach zu billig.
    Zweite Enttäuschung waren seine Beispiele aus aller Welt. Zum Beispiel seine Geschichte aus Kambodscha mit dem Prediger in einem Slum – das war für mich etwas langatmig und etwas gar tränendrüsen-drückig.

    Das zu meinen leichten Enttäuschungen. Aber das sind ja immer auch Ent-Täuschungen, die man positiv nehmen soll.

    Generell aber empfand ich die Referate als sehr inspirierend, erfrischend und – eben – fernab alter Pfade und Schubladen.

    Ich glaube, wir brauchen diesen neuen Weg dringend…

  11. Ok, diese beiden Szenen waren nicht auf unseren CD’s. Das „Schwulen-Beispiel“ erschreckt mich hier etwas, ich hoffe, er hat das nicht so gesagt.
    Auf einem mp3 war eine Frage, die sich auf Kambodscha bezog, die hat mich recht gwundrig auf diese Geschichte gemacht. Vielleicht kann ich sie mir ja mal noch anhören.

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