Sich selber unterbrechen

Kolumne „Zum Sonntag“ in der Zürichsee-Zeitung, Stäfa (achtmal jährlich): Sich selber unterbrechen. Eine Meditation der Selbst-Pause

Kolumne „Zum Sonntag“ in der Zürichsee-Zeitung, Stäfa (achtmal jährlich):Rast der Bauarbeiter

Im Kinofilm „Into the wild“ sehnt sich ein junger Mann danach, in die Wildnis aufzubrechen und befreit von gesellschaftlichen Zwängen zu leben. Er will sich selber unterbrechen. Der Film macht Eindruck, weil jeder Mensch diesen Impuls kennt. Der Banker will Bergführer werden, die Lehrerin endlich ein Hotel in Frankreich eröffnen, der Kaminfeger träumt vom Segeltörn um die Welt und die Familienfrau will ein Strassenkinderprojekt in Asien aufbauen.

Irgendwann zwischen Weihnachten und Karfreitag tritt im Neuen Testament eine verlauste Gestalt mit wilden Ideen auf. Johannes der Täufer redet in der Wildnis davon, dass etwas nicht stimmt, dass das Volk seinen Weg verlassen und einen neuen suchen muss. Dass es sich selber unterbrechen kann.

Wie geht eine solche Selbst-Unterbrechung? Der Rufer in der Wildnis sagt: Wenn du befreit werden willst von dir selber, musst du dir – zumindest innerlich – die Perspektive der Wildnis vertraut machen. Du musst aus dem Zentrum der Macht hinaus treten, du musst das dauernde Spielchen der Selbstrechtfertigung aufgeben und an den Ort gehen, an dem du die Zerbrochenheit des Lebens spürst.

In der Wildnis entwickelt der Täufer eine unzerstörbare Hoffnung auf einen Gott, der diese Erde befreit von Gewalt, Armut und Tod. Dieser Gott wird die Menschen von dem Bösen erlösen, indem er sie von sich selber befreit. Er wird sie befreien von der Last zu glauben, dass immer einer sich beugen muss, damit ein anderer gross werden kann.

Was der junge Amerikaner im Film „Into the wild“ spürt, das gehört in die christliche Tradition: Das Leben ist nicht nur durch Kontinuität und Wiederholung bestimmt. Zur Freiheit eines Menschen gehört, dass er sich selber unterbrechen kann, dass er einen radikal anderen Standpunkt einnehmen kann, dass ein Mensch die zwanghafte Wiederholung von sich selber aufgeben kann.

Es ist die Lust, aus den Häusern zu entfliehen, wenn sie zum Gefängnis geworden sind. „Kehrt um!“, schreit der Täufer. Zerreisst eure Herzen. Seid fähig über euch selber zu weinen. Dieser Ruf in die Wildnis herein, ist ein Ruf zur Freiheit, nicht ein Appell zum Selbsthass. Es ist die Aufforderung in einer Welt ohne Unterbrechungen die eigene Würde wieder zu erlangen.

Thomas Schaufelberger ist Pfarrer in Stäfa

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

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