Konstruktivismus in der Literatur (geschrieben am 19.12.2006)

Zitate aus der Literatur, die konstruktivistisch-systemische Haltungen zeigen.

Thomas SchaufelbergerHier – um es selber nicht zu vergessen – ein „konstruktivistisches“ Zitat von Heinrich von Kleist:

„Vor kurzem ward ich mit der neueren, sogenannten Kantischen Philosophie bekannt – und Dir muss ich jetzt daraus einen Gedanken mitteilen… Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken,  s i n d   grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, ober ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr – und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich.“ aus einem Brief an seine Braut Wilhelmine von Zenge am 22. März 1801 (gefunden in: Willy Grabert, Arno Mulot, Helmuth Nürnberger, Geschichte der deutschen Literatur, Bauerischer Schulbuch-Verlag, 22.Auflage 1986, S. 146.

Und ein Gedicht von Michael Ende, das den Beobachter thematisiert:

Der wirkliche Apfel – Hommage an Jacques Prévert

 

Ein Mann der Feder, berühmt und bekannt / als strenger Realist, / beschloss einen einfachen Gegenstand / zu beschreiben, so wie er ist: / Einen Apfel zum Beispiel, zwei Groschen wert, / mit allem, was dazu gehört.

Er beschrieb die Form, die Farbe, den Duft, / den Geschmack, das Gehäuse, den Stiel, / den Zweig, den Baum, die Landschaft, die Luft, / das Gesetz, nach dem er vom Baume fiel… / Doch das war nicht der wirkliche Apfel, nicht wahr? / Denn zu diesem gehörte das Wetter, das Jahr, / die Sonne, der Mond und die Sterne…

Ein paar tausend Seiten beschrieb er zwar, / doch das Ende lag weit in der Ferne; / denn schliesslich gehörte er selber dazu, / der all dies beschrieb, und der Markt und das Geld / und Adam und Eva und ich und du / und Gott und die ganze Welt…

 

Und endlich erkannte der Federmann, / dass man nie einen Apfel beschreiben kann. / Von da an liess er es bleiben, / die Wirklichkeit zu beschreiben. / Er begnügte sich indessen / damit, den Apfel zu essen.

aus dem Buch Die Schattennähmaschine 1982, zitiert nach Willy Grabert, Arno Mulot, Helmuth Nürnberger, Geschichte der deutschen Literatur, Bauerischer Schulbuch-Verlag, 22.Auflage 1986, S. 440.

Autor: Thomas Schaufelberger

Ehemann, Vater, Journalist, Pfarrer, Ausbildner, Leiter der evang.-ref. Arbeitsstelle A+W - Aus- und Weiterbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer (Deutschschweiz), Leiter Abteilung Kirchenentwicklung der Zürcher Landeskirche. Journalist, Ekklesiopreneur - Von Mitte Februar 2016 bis Ende Juni 2016 im Weiterbildungsurlaub der Zürcher Kirche.

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