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We love our youth worker! Kirchliche Jugendarbeit quo vadis?

Verfasst von: sofa111 in: 14. Mai 2009

In der kirchlichen Landschaft zeichnet sich ein verheerender Trend ab: Es sind auf dem Arbeitsmarkt kaum noch Jugendarbeiter oder Jugendarbeiterinnen zu finden, die im kirchlichen Feld professionell arbeiten wollen. Auf Stelleninserate melden sich maximal eine bis zwei valable KandidatInnen, ganz selten mit einer guten Ausbildung. Es braucht dringende Massnahmen…

Leiterausbildung_05 (16)Die Konsequenzen sind alarmierend. An vielen Orten stehen Stellen offen, wo vorher seit Jahrzehnten gute Jugendarbeit geleistet wurde. In anderen Gemeinden sind unausgebildete JugendarbeiterInnen am Werk, die manchmal sehr gute Arbeit leisten, oft aber einst blühende Projekte nicht wirklich weiter führen und entwickeln können. Sofort hat dies dann auch zur Folge, dass die Jugendarbeit an Rückhalt bei den stetig wechselnden Behördenmitgliedern, die als Ehrenamtliche die Kirche leiten, verliert. Jugendarbeit verliert damit ihre Lobby-Basis und wird marginalisiert. Denn die „dankbare“ Seniorenarbeit und die „obligatorische“ Religionspädagogik können die frei werdenden Ressourcen gut gebrauchen.

Der Jugendbeauftragte der Zürcher Kirche, Joachim Zahn, bestätigt diese Situation. Wer sie hoch rechnet auf die rund 170 Evangelisch-reformierten Kirchgemeinden im Kanton Zürich und auf die weiteren in der Schweiz, kommt zum Schluss, dass der grosse Aufbruch in der kirchlichen Jugendarbeit, der seit den frühen Siebziger Jahren im Gange war, zu einem Ende zu kommen droht. Jugendliche werden in der Kirche (wieder neu) marginalisiert und als störend empfunden. Die Selbstverständlichkeit, mit der Jugendanliegen in Kirchgemeinden manchmal Gehör gefunden haben, muss eine neu Basis finden. (Hier eine ähnliche, etwas andere Analyse)

Was bleibt zu tun?

 Obwohl die Formel „wenn wir gute Jugendarbeit machen, ist die Zukunft der Kirche gesichert“ zu einfach ist und so nicht stimmt, bin ich davon überzeugt, dass die Evangelisch-reformierte Kirche eine starke Jugendarbeit in jeder Kirchgemeinde braucht. Sie muss durch hoch professionelle JugendarbeiterInnen geleistet werden. Sie muss einen ressourcen-orientierten Ansatz pflegen. Sie muss vernetzt sein mit der Jugendarbeit der politischen Gemeinde und den Vereinen. (Ein mögliches Profil habe ich in einem Interview skizziert).

Kräftiges Gegensteuer tut also not! Hier einige Hypothesen:

  • Die Kantonalkirchen sind gefragt in der Ausbildung und in der Kommunikation des Images von Jugendarbeitenden. Sie muss Auszubildende so begleiten, dass eine starke Identität mit der Evang.-ref. Kirche entsteht. Sie soll den Gemeinden Materialien zur Verfügung stellen, um den Jugendarbeit-Beruf attraktiv zu kommunizieren. (Vgl. interessante Bachelor-Arbeit aus Österreich)
  • Die Kantonalkirchen (vielleicht auch auf Deutschschweizer Basis) sollen ein „Youth Theology Institut“ gründen, wo begabte junge Erwachsene geschult und motiviert werden. (Ich arbeite momentan an diesem Konzept – auf Anfrage gebe ich gerne darüber Auskunft).
  • Jede einzelne Kirchgemeinde muss in ihrer Jugendarbeit aufmerksam sein auf junge Erwachsene, die Leitungs-Talent haben. Sie müssen gefördert, ausgebildet, motiviert werden. Es sollen überall Praktikumsstellen geschaffen werden, wo junge Erwachsene z.B. im Zwischenjahr zwischen Matura (Abitur) und Studium Erfahrungen in kirchlicher Jugendarbeit sammeln können. (Auch hier ist ein Konzept für Kirchgemeinden in Bearbeitung. Bei Interesse melden Sie sich bei mir).
  • Kirchgemeinden sollten vermehrt attraktive JugendarbeiterInnen-Stellen anbieten. Das sind Stellen, die nicht ein Gehilfen-Job des Pfarrers darstellen, sondern eine Aufgabe mit Verantwortlichkeiten, Kompetenzen. Der Lohn muss entsprechend sein. Unfähige Jugendarbeitende oder solche, die sich nicht mit den Inhalten der Kirche identifizieren müssen, sollten möglichst schnell gekündigt werden. Das ist wichtig für das Image des Berufs.
  • Wo die ehrenamtliche Kirchenbehörde und die Pfarrerschaft überfordert ist damit, eine Jugendarbeiterstelle genügend anzuleiten und zu betreuen, dass sie erfolgreich ist, braucht es externe Begleitung. (Bei mir sind Informationen dazu erhältlich, wie eine solche externe Begleitung von Jugendarbeiter-Stellen aussehen könnte).
  • Der Trend, dass jeder Mitarbeitende in einer Kirchgemeinde sich „Sozialdiakon“ nennt, sehe ich kritisch. Er hilt nicht, dass Profil der Jugendarbeit zu stärken. Es braucht wieder richtige Jugendarbeiter und Jugendarbeiterinnen, die darauf stolz sind, so genannt zu werden.
  • Es braucht in jeder Gemeinde ganz viele Menschen, die sich aktiv für die Jugendarbeit einsetzen. Das braucht unter Umständen ein Bewusstseinsbildungsprozess mit der Gemeinde. Es braucht Gebet für die Jugendarbeitenden und ein Bewusstsein, dass sie ganz wertvolle Arbeit leisten. (Ich biete in Kirchgemeinden die Begleitung solcher Bewusstseins-Veränderungsprozesse an).

Mögliches Beispiel für einen Weckruf für die Jugendarbeit in der Schweiz ist die britische Initiative „We love our youth worker“. Sie lädt Kirchgemeinden in England dazu ein, eine Verpflichtung mit sieben Punkten zu übernehmen. Ziel ist, Jugendarbeitende zu ermutigen, in ihrem Beruf zu bleiben und ein Burnout zu verhindern. Die Verpflichtung umfasst folgende Punkte:

  • Wir beten und unterstützen unseren Jugendarbeitenden
  • Wir gewähren Raum für Reflexion
  • Wir fördern Weiterbildung und Entwicklung
  • Wir bieten einen ganzen Tag Pause pro Woche.
  • Wir teilen Verantwortung
  • Wir bemühen uns, ein hervorragender Arbeitgeber zu sein
  • Wir sind wertschätzend und anerkennen die Arbeit.

Das wäre doch ein Anfang…

Weitere Links:

Ehrenamtlich geführte Homepage von Peter Marti: jugendarbeit.ch

Ausgezeichnetes Linkverzeichnis von jugendarbeit.ch

Leider etwas veraltete Homepage der Konferenz aller Jugendbeauftragten der Deutschschweizer Kantonalkirchen.

Plattform der Jugendarbeit der Berner/Solothurner/Jura-Kirche.

Aktuelle Seite des Jugendbeauftragten des Kantons St.Gallen.

Newsletter der Jugendarbeit.ch-Seite im Juni, der Bezug nimmt auf den Blog hier.

2 Antworten zu "We love our youth worker! Kirchliche Jugendarbeit quo vadis?"

Interesting article! Ich habe dein Blog gerade heute entdeckt und lese gerne. Etwas, was ich in der angelsächsischen (und freikirchlichen!) Praxis nicht nur positiv erlebt habe und doch behütsam befürworten würde: neu ausgebildete TheologInnen, die sich Richtung „Senior Pastor“ bewegen, sollten eine Zeitlang in der Jugendarbeit gewissermassen die Sporen verdienen. Klar: da werden auch Gemeindeleitungsstrukturen angesprochen, die wir nicht 1-zu-1 übertragen könnten – und doch bin ich selber auch glücklich, dass ich so in die Landeskirche einsteigen konnte.

Keine schlechte Idee. Damit würde auf jeden Fall auch für Pfarrer und Pfarrerinnen klar, das der heutige Beruf nicht mehr im Studierzimmer statt findet, sondern bei den Leuten, in Lagern, im Kontakt und beim gemeinsamen Arbeiten (ARBEITEN!) mit Teams. Was mich an der Idee schon immer gestört hat ist allerdings, dass die Jugendarbeit dann quasi als Vorstufe zum Eigentlichen angesehen würde. Das beinhaltet implizit eine Abwertung, die ich störend finde. Aber biographisch hat das etwas: Man will ja auch nicht ewig Jugendarbeit machen!!! :-)

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