Verfasst von: sofa111 in: 26. März 2009
Michael Frost, bekannter Vertreter der Emergent-Church Bewegung (manchmal auch Emerging Church) und Buchautor, hat an einem Kongress zur Zukunft der Kirche drei Gründe dafür genannt, dass „Mission“ als zentrales Organisationsprinzip von Kirchen stehen sollte:
1. Theologischer Grund: Missio Dei = Gott zeigt sich als ein gesendeter und sendender Gott – durch die gesamte Bibel (vom Wort, das er aussendet und die Welt erschafft über den Hauch, mit der er die Menschen lebendig macht, bis hin zu Jesus, der der Gesandte Gottes ist) Gott selber sendet sich in die Welt hinein und so sind alle gesendet, dazu aufgerufen, über sich hinaus zu gehen.
2. Kultureller Grund: Der säkularisierte Westen ist bezüglich der religiösen Sozialisation ein multikultureller Kontext geworden. Leute, die keine kirchlichen Bezugspunkt hatten, kommen nie mehr „zurück zur Kirche“. Sie werden nie mehr in Gottesdienste kommen – auch wenn dort die tollste Musik gespielt wird und die bequemsten Sofas stehen. Der gesellschaftliche Fluss fliesst inzwischen woanders. Deshalb muss sich die Kirche aufmachen und zu den Menschen gehen, wo sie sind.
3. Praktischer Grund: Mission als Organisationsprinzip verändert die anderen Bereiche einer Kirche (Verkündigung, Gemeinschaft, Unterricht) viel stärker als umgekehrt.
So fordert Michael Frost auf, radikal die Denkrichtung zu drehen. Nicht mehr attraktionale Kirche sein mit der Idee, dass alle kommen, sobald wir genügend attraktive Angebote haben. Sondern inkarnierende Kirche zu sein, die hinaus geht und mit offenen Augen und Ohren und Herzen sieht, wo die Menschen leben und in welcher Kultur sie sind und was sie benötigen.
Ziel all dieser Bemühung ist, das Gottesreich bereits spürbar zu machen. Einem Trailer ähnlich, der im Kino läuft, um den Blockbuster schmackhaft zu machen. Denn die missio dei – die Mission Gottes hat nichts weniger im Sinn als Liebe, Friede, soziale Gerechtigkeit für die ganze Kreatur.
So ergibt sich ein Ausgangspunkt bei der Christologie. Wir müssen zuerst über den Inhalt des Evangeliums neu nachdenken. Daraus ergibt sich dann eine Missiologie (ein total neues Verständnis davon, das auf keinen Fall dieselben Fehler machen darf, wie sie jahrhundertelang in Afrika und andernorts machte). Und erst dann ergeben sich Gedanken zu einer Ekklesiologie, dazu wie die Kirche aussehen soll.
In einer Pause erzählte mir Michael Frost, dass er in Deutschland und in den englischsprachigen Ländern die Landeskirchen als diejenigen erlebt, die innovativer und experimenteller mit den Emergent Church-Ideen umgehen. Dies deshalb, weil sie nichts mehr zu verlieren haben (im Unterschied zu einer Freikirche mit vielleicht 200 oder 300 Mitgliedern) und weil doch noch einiges an finanziellen Ressourcen vorhanden ist.
An einem Workshop am Nachmittag (Folien des Referats hier) haben dann vier reformierte Theologen aus dem Kanton Zürich versucht, die Emergent Church Ideen für den landeskirchlichen Kontext umzusetzen. Ralph Kunz, Theologieprofessor an der Uni Zürich, Kari Flückiger, Beauftragter für Gemeindeaufbau der Zürcher Kirche, Thomas Bachofen und Thomas Schaufelberger, Gemeindepfarrer im Kanton Zürich, haben zunächst einen Überblick über die Gemeindeaufbau-Bewegungen gegeben. Gemäss Ralph Kunz befinden sich alle bisherigen Modelle in einer Sackgasse. Thomas Schaufelberger hat den Blick geöffnet hin zur postmodernen Organisationstheorie, welche ein neues Modell von Organisationen andenkt. Es ist am besten mit Stichworten wie „lernende Organisation“ oder „Selbstorganisation“ zu umschreiben. Thomas Bachofen erläuterte dann einen Veränderungsprozess mit neueren Methoden in einer Kirchgemeinde. Schliesslich leitete Kari Flückiger eine Sequenz in der die rund 40 Teilnehmenden dazu aufgefordert wurden, im landeskirchlichen Kontext Orte und Räume zu entdecken, um mit den Menschen zu sein.
Die Tagung bot Gelegenheit für eine äusserst befruchtende Diskussion, die noch weiter gehen muss. Wie die Emergent Church Bewegung in der Landeskirche Gestalt annimmt, muss noch offen bleiben. Zwei Dinge wurden dennoch schon klar: Will sie im landeskirchlichen Kontext eine Wirkung erzielen, muss sie sich aus dem evangelikalen Umfeld, in dem sie sich momentan befindet, befreien. Um ein Wort von Michael Frost aufzunehmen: Die Emergent Church Bewegung muss sich erst noch Kontextualisieren im landeskirchlich-theologischen Raum. Was bestimmt nicht funktioniert (obwohl der Versuch an dieser Tagung deutlich spürbar war) ist, dass alte, überholte und etwas verstaubte, evangelikale Konzepte wieder aus Schubladen hervor geholt werden. Emergent Church ist ein Neuansatz mit radikalen Konsquenzen. Alle die sich erhoffen, dass endlich alte Postulate erfüllt werden, werden wohl enttäuscht werden.
Fazit: Spannend ist der Emergent Church Ansatz weil er eine radikale Umorientierung der kirchlichen Handlungsfelder vorschlägt. Wichtig ist dabei aber, dass das Wort „Mission“ nicht mit altem Inhalt gefüllt wird. Es ist neu zu definieren, nämlich als konsequente Hinwendung zur Kultur und Lebenswirklichkeit der entkirchlichten Menschen im Westen. Spannend bleibt dieser Ansatz nur, wenn er sich aus den alten Mustern (liberal/evangelikal) befreien kann.
Danke für den spannenden Beitrag. Soviel ich weiss, würde sich Michael Frost selber nicht zur Emerging-Church-Bewegung zählen. Sein Co-Autor Alan Hirsch hat sich jedenfalls im Gespräch mal so ausgedrückt. Emerging church wird vor allem in den USA stark durch Emergent (Village) geprägt. Frost und Hirsch bezeichnen sich als Teil des incarnational-missionalen Paradigmas. Das gibt es zwar Gemeinsamkeiten zwischen z.B. Brian McLaren u.a, aber auch deutliche Unterschiede, z.B. in der Ekklesiologie. Führende Vertreter haben sich sogar entschieden den Begriff „Emerging church“ nicht mehr zu gebrauchen, weil er so heftig umstritten ist und jeder Gruppe anders gebraucht wird:
http://tallskinnykiwi.typepad.com/tallskinnykiwi/2008/09/emerging-chur-1.html
Vielen Dank für den Bericht. Ich habe ihn als deutscher Landeskirchler mit großem Interesse gelesen und habe eine ganze Reihe von Fragen:
1) Was verbirgt sich hinter „Mission als Organisationsprinzip“ der Kirche? Geht es da um noch mehr als ein verändertes Denken? Wie wirkt sich ein verändertes Denken auf die Organisationsstrukturen von Kirche/Gemeinde aus? Hat er da noch etwas mehr erzählt?
2) Zum Kommentar in der Pause, Frost würde Landeskirchen als innovativer erleben: Hat er da erzählt, wo er das so erlebt hat? Ich kenne kaum Landeskirchler, die das Gedankengut von Frost u.ä. rezipieren und eben nicht aus dem evangelikalen Spektrum kommen …
3) Was meint Kunz damit, wenn er sagt, alle bisherigen Modelle wären in einer Sackgasse?
4) Mich würde auch noch sehr interessieren, was dabei rausgekommen ist, als über Orte und Räume nachgedacht wurde, um missionale Gemeinde zu leben.
5) Und wie könnte das gehen, dass sich die Bewegung im landeskirchlichen Kontext aus dem evangelikalen Umfeld befreit?
Das ist eine Menge Zeug. Ich wäre schon dankbar, wenn wir über die eine oder andere Frage ins Gespräch kommen könnten. Herzliche Grüße aus Deutschland, Simon
Vielen Dank für die ausführliche Antwort, Thomas. Da ich selbst seit einiger Zeit am „emergenten Gespräch“ beteiligt bin, aber in Deutschland (offenbar im Gegensatz zu Frost) nicht so furchtbar viele Landeskirchler kenne, die an dem Thema dran sind (und sich außerdem nicht dem evangelikalen Spektrum zurechnen), finde ich sehr interessant, was ihr dort in der Schweiz so macht und denkt.
Zu 1.) Die ganzen Begriffe (anti-hierarchisch, selbstorganisiert etc.) kenne ich zu Genüge – meine Frage ist, wie man eine zuerst durch Christologie und Missiologie geprägte Gemeindearbeit dann organisatorisch aufzieht. Klar, es geht um ein verändertes Denken, aber irgendwas wird man ja auch machen. Ich kenne einige Gemeinden, die anfangen, Müll zu sammeln, diakonisch aktiv werden und so. Ist das dann schon alles, dass wir weniger Gottesdienste machen und statt dessen das?
Zu 3.) OK, dann kann ich mir vorstellen, wohin das bei Kunz ging. Ich habe ihn auch einmal reden hören. Das Konzept von „Gemeinde als Herberge“ stammt vom Niederländer Jan Hendriks und ist sicherlich bedenkenswert, allerdings auch schon ein paar Jahre alt und wahrscheinlich würden es andere Praktische Theologen auch locker mit unter die Sackgassen-Konzepte stecken, wenn man das denn überhaupt so machen kann …
Zu 4.) Das sind gute Kompetenzen und damit kann man bestimmt gut anfangen. Ich bin gespannt, wie es dann weitergeht bei der Vertiefung.
Zu 5.) Das geht mir genauso (als jemand, der selbst eher aus der frommen Ecke kommt, aber viel von anderen lernt). Ich erlebe allerdings auch, dass es dann zum Schluss eben doch immer viele (Post-)Evangelikale sind, die sich hier tummeln. Und das gilt auch zu einem großen Teil für die USA, denn auch dort sind es innerhalb der mainline-Kirchen das frommere Spektrum, das sich interessiert. Ich bin vor kurzem ein Jahr da gewesen innerhalb der lutherischen Kirche und hab das so empfunden.
Also, ich bin gespannt, was sich so tut in den nächsten Jahren, wenn wir anfangen, tatsächlich in den Gemeinden die neuen Wege zu leben …
Vielen Dank noch einmal. Dann sind wir mal gemeinsam gespannt auf das, was kommt. Vielleicht begegnet man sich irgendwann einmal. Liebe Grüße, Simon
Hallo Thomas. Den Namen „Michael Frost“ hörte ich das erste mal von Dir. Unterdessen lese ich ein Buch von ihm und werde mir die Referate dieser Tagung noch anhören. Finde es sehr spannend, dass es eben nicht um Freikirche oder Landeskirche geht, sondern um die Menschen und Ihr Umfeld.
Referate online: http://www.igw.edu/no_cache/downloads/kategorien/viewmode/cattree/mode/missionale_theologie__19/
Wir waren im Wochenende im Tessin und haben unterwegs in die Referate hinein gehört. Da ich mich schon länger etwas mit emerging-church befasse, war es nicht so viel Neues. Aber es hat mich inspiriert. Leider funktionieren nicht alle mp3 von der Seite, deshalb hatten wir einfach irgend eine Auswahl der Referate. Was hat Dich enttäuscht?
Ok, diese beiden Szenen waren nicht auf unseren CD’s. Das „Schwulen-Beispiel“ erschreckt mich hier etwas, ich hoffe, er hat das nicht so gesagt.
Auf einem mp3 war eine Frage, die sich auf Kambodscha bezog, die hat mich recht gwundrig auf diese Geschichte gemacht. Vielleicht kann ich sie mir ja mal noch anhören.
29. März 2009 um 10:25
Frühere Christen haben sich mit den Fragen des Lebens, dem Sinn des Lebens und den ungeklärten Fragen des Seins usw. beschäftigt. Heutige Christen beschäftigen sich mit der Zukunft ihrer Kirchen. Vielleicht stehen deshalb soviele Kirchen leer.