Verfasst von: sofa111 Am: 2. Februar 2009
Sokrates im Café
Sokrates trat in ein Cafe und setzte sich an einen leeren Tisch.
“Verzeihen Sie, dieser Tisch ist besetzt”, sagte ein Kellner zu ihm.
“Ich verzeihe Ihnen”, sagte Sokrates gütig.
“Verzeihen Sie, dieser Tisch ist besetzt”, wiederholte der Kellner.
“Ich sagte Ihnen ja: Ich verzeihe Ihnen”, sagte Sokrates und lächelte versöhnlich.
“Sie sollten sich woanders hinsetzen”, beharrte der Kellner.
“Wieso denn?”, fragte Sokrates.
“Weil dieser Tisch besetzt ist”, sagte der Kellner.
“Ich weiss”, erwiderte Sokrates. “Überdies haben Sie es mir schon zweimal gesagt. Aber weshalb sollte ich mich woanders hinsetzen?”
“Weil dieser Tisch besetzt ist”, sagte der Kellner, schon ziemlich ungehalten.
“Aber wenn ich mich woanders hinsetze, ist er ja nicht mehr besetzt”, sagte Sokrates.
“Aber doch”, erwiderte der Kellner.
“Und wer, wenn ich bitten darf, besetzt diesen Tisch, wenn ich mich woanders hinsetze?”
“Natürlich niemand, aber…”
“Kein Aber”, unterbrach Sokrates. “Kann ein Tisch besetzt sein, an dem niemand sitzt?”
“Nein, aber…”
“Warum denn immer Aber, mein Freund? Sie geben zu, dass ein Tisch, an dem niemand sitzt, nicht besetzt sein kann; und trotzdem bitten Sie mich, diesen Tisch zu verlassen, weil er besetzt ist, obschon er dadurch wieder unbesetzt würde?”
“Ich verstehe Sie nicht”, sagte der Kellner verwirrt.
“Sie verstehen sich selber nicht, mein Bester”, sagte Sokrates. “Bringen Sie mir jetzt einen Kaffee!”
Der Kellner blieb, immer noch verwirrt, stehen.
“Was ist denn noch?” fragte Sokrates.
“Verzeihen Sie…”
“Ich verzeihe Ihnen”, unterbrach Sokrates gnädig. “Aber bringen sie mir jetzt einen Kaffee!”
Der Kellner gab es auf und entfernte sich kopfschüttelnd.
(aus: Mani Matter, Sudelheft Rumpelbuch, Zürich 2003, S. 260f.)